Leseprobe

Akeber

Prolog

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Der Klang der Türglocke reißt Iris Thorne aus dem Schlaf, und der hartnäckigen Frequenz nach zu urteilen, mit welcher die Klingel betätigt wird, ist es wohl nicht das erste Mal, dass es läutet.

Thorne steht auf und zieht ihren seidenen Morgenmantel über, um zur Tür zu gehen. Mit müden Augen betrachtet sie auf dem kleinen Monitor das Bild, welches von der Kamera am Hauseingang stammt. Darauf ist niemand zu entdecken, nur die lapidaren Blumentöpfe, die frisch gestrichene Hauswand und das edle Hausnummernschild mit der Zahl 135. Thornes Wohnung befindet sich im dritten Stock. Nun wird erneut geklingelt und kurz darauf gegen die Tür geschlagen. Sie erschrickt. Ihr erster Gedanke ist, die Nummer des Notrufs zu wählen. Wieder schlägt jemand von außen mit der Faust gegen die Wohnungstür.

Vorsichtig dreht sie die kleine Metallscheibe nach oben, die den Türspion verdeckte, und schaut hindurch. Sie erkennt die junge Frau, die zum wiederholten Mal den Klingelknopf betätigt, sofort und öffnet die Tür.

Thornes Frage danach, was die Frau wolle, zu nachtschlafener Zeit, bleibt ihr im Hals stecken. Rebekas weiße Bluse unter der braunen Lederjacke ist blutüberströmt, genauso wie ihre Hände, die sie nun, mit ihren Flächen nach oben, ausstreckt, um sie Thorne zu zeigen. Ihre Stimme ist weit davon entfernt, bittend oder gar flehend zu wirken, als sie sagt: „Helfen Sie mir."

Thorne tritt zur Seite und lässt sie an sich vorbei, bevor sie die Tür wieder verriegelt.

„Wie sind Sie hier 'rein gekommen?"

Rebeka bleibt abrupt stehen und wendet Thorne zu.

„Was würden Sie antworten, sollte ich Sie fragen, wie Sie es schaffen, meine Psyche zu analysieren?"

Thorne antwortet nicht.

„Was ist geschehen?", fragt sie stattdessen Rebeka, die sich hier offenbar bestens auskennt und schnurstracks in die Praxis der Psychologin geht, wo sich auch ein kleines Badezimmer befindet.

Im Gehen antwortet sie: „Sie wissen genau, dass ich mich nicht erinnern kann." Dann lässt sie die Badezimmertür hinter sich ins Schloss fallen und ruft Thorne zu: „Es ist nicht mein Blut!"

Sie entkleidet sich und beginnt, sich am Waschbecken Arme und Hände zu säubern.

Momente später wird an die Tür geklopft.

„Kommen Sie 'rein!", ruft Rebeka, woraufhin Thorne eintritt und einen Stapel Kleider auf den Wäschekorb legt.

„Ziehen Sie sich das an, wenn Sie fertig sind", sagt sie. Dann streift ihr Blick Rebekas nackten Rücken. Zwar wird ein beachtlicher Teil davon von deren langem, schwarzen Haar bedeckt, doch ihr fast schon männlich muskulöser Körper ist übersät von Narben und kleinen Brandwunden, die von Zigaretten zu stammen scheinen. Thorne reagiert instinktiv. Sie tritt hinter Rebeka und schiebt ihre Haare zur Seite, um das gesamte Ausmaß dessen zu inspizieren, wovon sie beide wiederholt gesprochen haben, was Thorne aber nie zu Gesicht bekommen hat.

Sie hebt den Blick und schaut in Rebekas Augen im Spiegel.

„Ich kleide mich an", sagt Thorne, „warten Sie im Sprechzimmer auf mich."

Als sie das Badezimmer verlassen hat, greift Rebeka nach dem Messer, dessen lederner Schaft am Gürtel der Hose befestigt ist, die sie zuvor abgelegt hat.

Sie spült gründlich das Blut von der Klinge.

Es ist nicht ihr Blut.

***

Rebeka hat es sich wie gewohnt im Sessel vor dem Schreibtisch gemütlich gemacht, auf welchem ein Messingschild steht, mit dem eingravierten Schriftzug „Dr. med. Iris Thorne". An der Wand sind einige gerahmte Diplome aufgehängt, welche sie als praktizierende Doktorin der Psychologie ausweisen.

Thorne betritt den Raum und stellt Rebeka einen Teller mit einem belegten Brot und ein Glas Wasser hin. Diese trinkt das Wasser in einem Zug aus, lässt das Essen jedoch unberührt.

„Danke, ich habe keinen Hunger."

Thorne setzt sich hinter ihren wuchtigen, altmodischen Schreibtisch.

„Was glauben Sie denn, ist geschehen?", fragt sie ihre Patientin.

„Es ist offensichtlich, dass das, was sonst mit einer chirurgischen Präzision abläuft, diesmal zu einem unkontrollierten Blutbad wurde."

Die Psychologin antwortet nicht.

„Ich werde dadurch exponiert", erklärt Rebeka, „die Polizei wird mich finden."

„Hm", macht Thorne, deren Kenntnisse, was polizeiliche Ermittlungen angeht, eher bescheiden ausfallen, „Sie meinen, man will Sie loswerden?"

„Vielleicht hat es mit Ihnen zu tun, damit, dass ich Sie aufsuche."

„Sie vermuten, sie haben gemerkt, dass ich Zugang zu Ihnen habe. Das ergibt einen gewissen Sinn. Was ich nicht verstehe, hingegen, ist, warum sie Sie aufgeben sollten. Sie sind zu wertvoll. Vielleicht war es nur ein Warnschuss vor den Bug."

„Vielleicht wollen sie bloß sehen, wie ich darauf reagiere."

Und dann, mit derselben bestimmten, nüchternen Stimme wie bereits an der Tür, wiederholt Rebeka: „Helfen Sie mir."

Thorne lässt sich Zeit mit ihrer Antwort.

Schließlich sagt sie: „Sie wissen, was das bedeutet."

Ihre Patientin nickt unmerklich, jedoch bestimmt und zuversichtlich.

„Es ist hochgradig gefährlich", fährt die Psychologin fort. „Zudem ist es fraglich, ob es überhaupt funktionieren wird."

„Es ist meine Idee. Also ist es meine Verantwortung."

Thorne zögert, gibt schließlich jedoch nach.

„Ich muss Sie dafür hypnotisieren."

„Natürlich."

Die Psychologin schaut in die tiefschwarzen Augen ihrer Patientin, um festzustellen, ob diese es tatsächlich ernst meint. Alles andere hätte sie jedoch nur verwundert. Sie steht auf, geht um den Tisch herum und stellt den leeren der beiden Sessel gegenüber Rebeka hin, setzt sich und hebt ihre rechte Hand. Dann schnippt sie mit den Fingern und sagt: „Kitty-cat!"

Rebekas Gesichtsausdruck verändert sich schlagartig. Ihre sonst ernsten Augen wirken plötzlich verspielt. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in dieser Nacht lächelt sie — ein unschuldiges, infantiles Lächeln.

„Hallo", sagt sie, mit der naiven Stimme einer Zehnjährigen.

„Hallo", erwidert Thorne, „kannst du dich an das Spiel erinnern, das wir das letzte Mal zusammen gespielt haben?"

Rebeka nickt übertrieben enthusiastisch mit dem Kopf.

„Hat es dir gefallen?"

„Ja!"

„Gut, wir werden es noch einmal spielen. Lehn dich zurück und schließ die Augen …"