Vom Uhrenatelier in Prag zum Filmemacher im Exil.
Pertro Ruun
Pertro Ruun wurde am 2. August 1957 in [Ort] geboren und zog mit 16 Jahren nach Prag, wo er eine Ausbildung als Uhrmacher absolvierte.
Die damalige tschechoslowakische Filmindustrie war äußerst produktiv, besonders in Genres wie Science Fiction. Und so wollte es der Zufall, dass in der Nähe des Geschäftes, wo Ruun als junger Geselle arbeitete, ein Dreh stattfand, während dessen eine der Kameras ausfiel.
Der Kameramann suchte nach jemandem in der Nähe, um den Schaden zu beheben, und als Ruun davon erfuhr, bot er sich kurzerhand an; im Gegensatz zu einem Uhrwerk ist eine Filmkamera geradezu grobschlächtig, wobei das technische Prinzip jedoch dasselbe bleibt. Der Kameramann indessen war dermaßen angetan von der Fertigkeit des jungen Uhrmachers, dass er ihm anbot, ihm auf dem Set zu assistieren, wozu Ruun freudig einwilligte.
So erlernte er das Filmemachen von der Pike auf und wechselte später zur Regie. Alles lief glänzend, bis er begann, seine Drehbücher selbst zu schreiben und sie seinem Produzenten vorzuschlagen. Zähneknirschend musste er feststellen, dass sich der eiserne Vorhang vor der Bühne der Realität nicht zu öffnen pflegte und dass diejenigen, welche ihn dazu aufforderten, schroff von selbiger Bühne vertrieben wurden.
Ruun verspürte keinerlei Drang, gegen sozialistische Windmühlen anzukämpfen, und machte sich stattdessen daran, zusammen mit seiner damaligen Gattin, einer russischen Ingenieurin aus Volgograd, in ihrem kleinen Keller einen Helikopter zu bauen, um damit irgendwie über die Grenze zu gelangen.
Als die beiden dann vor der Wahl standen, während eines heimlichen Nachtfluges abzustürzen oder sich abschießen zu lassen oder stattdessen eine provisorische Flugerlaubnis einzuholen, entschieden sie sich für Letzteres. Als wenige Tage danach jedoch zwei Polizisten vor der Tür standen und unangenehme Fragen stellten, wimmelten sie diese ab und packten gleich darauf ihre Koffer.
Noch am selben Abend stiegen sie einfach in ihren Lada, fuhren zu einem kleinen, spärlich bewachten Grenzübergang und sprengten mit dem unzerstörbaren Ladakühler die Schranke.
Ruun fragt sich noch heute, was wohl aus ihrem Helikopter geworden ist und ob dieser tatsächlich flugtauglich gewesen wäre.
Im sogenannten Westen hingegen lebte er zwar gemeinhin weniger gefährlich, was jedoch sein Filmschaffen betrifft, erging und ergeht es ihm nicht wirklich besser.
Die Entscheidungsträger waren und sind genauso dogmatisch wie im Osten. Das Einzige, was sich grundlegend ändert, ist das Dogma selbst. „Film" bleibt prinzipiell Gehirnwäsche, wobei es vollkommen irrelevant ist, ob das im Schongang geschieht oder beim Schleudern mit beigefügtem Kies, für den Denim-Look.
Ruun hat drei seiner eigenen Spielfilme selbst produziert, wovon der dritte während Covid-19 in der Postproduktion steckengeblieben ist und wohl nie das Licht eines Projektors erblicken wird.
Seinen Drehbüchern merkt man an, dass sie speziell für sogenannte Low-Budget-Produktionen geschrieben wurden. Sie folgen strikten Regeln, denen sich kein Skript entziehen kann, ohne jedoch ein absichtlich tief angelegtes Budget zu sprengen. Ruun verzichtet absichtlich auf komplizierte Setups, Effekte und Kostüme. Wovon er hingegen ausgeht, sind flinke Hände, die bereit sind anzupacken. Daraus muss nicht unbedingt ein Helikopter werden, aber ein Teil einer Kulisse sollte es schon sein, um dem Film den eigenen Stempel aufzudrücken. Ruun ist nicht Regisseur. Er ist ein Filmemacher, der weiß, wie man einen Film macht. Und dazu gehört es unweigerlich, selbst Hand anzulegen.
Da er jedoch vermutlich nie mehr auf einem Set anzutreffen sein wird, hat er das „Tale Script" erfunden, wobei er hofft, dass dieses Format auch andere Autoren als nützlich erachten und sich ihm anschließen werden, damit auch deren Drehbücher einer interessierten Leserschaft zugänglich gemacht und ihr sonstiges Verschwinden auf staubigen Regalen und in unerreichbaren Winkeln stark fragmentierter Festplatten verhindert werden möge.