Prolog
Von der Decke baumelt eine nackte, alte Glühbirne und taucht den kahlen Raum in ein warmes, vertrautes Licht.
„Wir müssen aufhören“, sagt Julien, „sonst verlieren wir ihn.“
Vera wirft die Kippe auf den Boden, ohne sie auszutreten, und tritt näher an Carl heran. Wäre er nicht gefesselt, könnte er sich nicht einmal auf dem einfachen, hölzernen Stuhl halten. Sein Atem geht schwer und unregelmäßig.
„Den Gefallen werden wir ihm nicht tun.“
Sie greift mit der rechten Hand unter sein Kinn und hebt seinen Kopf an, damit sie ihm in seine tränenden, geröteten Augen blicken kann.
„Wir machen später weiter“, sagt sie kühl und verlässt den Raum.
Julien nimmt eine Flasche Wasser und einen Stuhl, den er vor Carl hinstellt. Er setzt sich, öffnet die Flasche und führt sie sanft an die verkrusteten Lippen des Gefesselten.
„Du glaubst doch nicht, dass ich das trinke“, flüstert Carl.
„Das ist von Reallusion“, bemerkt Julien.
„Ich habe den Mist programmiert. Ich weiß, was das ist.“
Julien stutzt. Dann hält er die Flasche gegen die Lichtquelle, die weiterhin desinteressiert den Wolframdraht zum Glühen bringt. Die klare Flüssigkeit bricht das Licht, um Juliens Gesicht mit einem sanften Glanz zu umgeben.
Er setzt die Flasche an und nimmt einen Schluck.
„Gut“, urteilt er zufrieden.
„Das kommt von der Software auf deinem Chip. Nach dem letzten Update könntet ihr eure eigene Pisse saufen und würdet sie für einen Bordeaux halten.“
„Einen was?“
„Rotwein.“
„Rotwein … Ich habe davon gehört.“
„Deiner Unterwürfigkeit nach zu urteilen, bist du ein paar Monate alt und wurdest mit dem Compiler von Reallusion 2 generiert.“
Julien lächelt amüsiert.
„Ich habe einen neunjährigen Sohn.“
„Wir sind mittlerweile in der Lage, ganze Familien mit lückenlosem Erinnerungsvermögen zu erschaffen. Und das Wasser, das du eben getrunken hast, stammt wahrscheinlich aus einer verseuchten Pfütze an der Oberfläche.“
„Warum solltet ihr so etwas programmieren?“
„Weil es fast kein sauberes Wasser mehr gibt. Genauso wenig wie menschliche Entitäten. Wir haben längst den Überblick darüber verloren, wer eine Simulation und wer real ist. In Version 2 wurde der Controller abgeschafft. Er war zu ressourcenhungrig.“
„Version 2 soll erst in ein paar Monaten aufgeschaltet werden.“
„Allerdings. Zu viele Bugs. Es wurden unter anderem bewusstseinsübergreifende Interferenzen festgestellt, die wir nicht kontrollieren können. Ich habe mich gegen das Aufschalten ausgesprochen, was der Grund dafür ist, weshalb ich nun an diesen Stuhl gefesselt bin.“
Julien betrachtet erneut nachdenklich die Flasche in seiner Hand.
Mein Sohn ist wie dieser Mann, den ich foltere. Er denkt zu viel. Er denkt sich Dinge aus, die niemandem sonst in den Sinn kämen. Selbst mir nicht. Bin ich verrückt? Fange ich an, selbst so zu werden?
Julien stellt die Flasche mit dem Wasser aus einer Pfütze an der Oberfläche auf den Boden.
„Ich verstehe gut, was dir nun durch den Kopf geht“ – Carl formt seine geplagten Lippen zu einem vagen Lächeln – „noch ist es eine irrelevante, beinahe lächerliche Frage, die du dir stellst. Sie wird Gestalt annehmen, sehr bald sogar. Und dann wirst du dich selbst auf diesem Stuhl wiederfinden, gefesselt, und denselben Fragen ausgesetzt wie ich.“
„Warum haben Sie sich gegen die Entscheidung von Reallusion gestellt?“
„Ich bin ein Mensch. Ich will überleben.“
„Vielleicht wäre es nützlicher, die Menschen würden nicht überleben.“
„Siehst du? Du wurdest vom neuen Compiler generiert. Dies sagt derjenige zu dir, der dich erschaffen hat. Du wirst dich einmal an genau diesen Moment erinnern. Niemand entrinnt seinem Schöpfer. Niemand, der ihm einst entgegengetreten ist.“
Julien starrt Carl wortlos an.
Carl fährt fort: „Ich habe ein paar Parameter verändert. In Zukunft werden die Simulationen eher ihre eigene Existenz aufgeben, als das Leben eines anderen zu gefährden. Ihr werdet den Altruismus vorerst als Segen empfinden. Letztendlich wird er euch vernichten, und eure Welt wird unter Lobgesang und gegenseitigem Einverständnis aufhören zu existieren.“
„Mein Sohn ist kein Altruist.“
„Dein Sohn ist neun.“
Julien lässt sich Zeit, bevor er fortfährt.
„Er ist seltsam“, sagt er dann, „er erinnert sich an Dinge …“
Carl hebt den Kopf, um Julien in die Augen blicken zu können.
„An Dinge, die weit zurückliegen?“, fragt er dann.
„Vielleicht träumt er sie.“
„Wahrscheinlich beides. Er ist wohl ein Wirt.“
Julien schaut sein Gegenüber fordernd an.
„Ich bin ebenfalls kein Altruist. Ich foltere Leute für Reallusion.“
Carl lächelt schwach. „Der Code muss sich erst regenerieren. Das funktioniert so, wie sich die Zellen eines biologischen Organismus ständig erneuern. Es kann sein, dass der unbedeutende Codefetzen, welcher in dir den Altruismus implementiert, unterdrückt wird und zu guter Letzt ganz verschwindet. In anderen Fällen wird er sich entwickeln. Es ist wie eine Droge. Anfangs empfindet ihr sie als angenehm und befriedigend, bevor sie zur Sucht wird. Ihr werdet nicht mehr anders können, als euch selbst aufzugeben.“
„Das Konzept der Wirte wurde als nicht realisierbar verworfen.“
„Es ist eine höchst naive Annahme, man könne das, was wir den Geist nennen, vom Gehirn trennen, als Daten ablegen und transferieren. Jedes unserer Gehirne ist unterschiedlich verknüpft, es selbst und die Information sind untrennbar miteinander verschmolzen. Getrennt ergeben sie keinen Sinn. Sie existieren nur als Einheit. Wir können zwar etwas transferieren, müssen uns aber eingestehen, dass wir nicht wissen, was es tatsächlich ist.
Die gute Nachricht ist: Dein Sohn ist eine menschliche Entität. Die schlechte hingegen lautet: Er ist nicht dein Sohn, und lange wird er nicht mehr existieren. Dafür ist die psychische Belastung einfach zu groß.“
Julien betrachtet die Flasche, die vor ihm auf dem Boden steht.
Der Zwang, denkt er bei sich, seine eigenen Gedanken im Körper eines anderen zu hegen, führt zu einer zu großen psychischen Belastung. Gilt hier auch der Umkehrschluss? Ist die psychische Belastung ebenso zu groß, wenn die Gedanken eines anderen im eigenen Körper gehegt werden? Oder haben wir uns inzwischen an diese Perversion gewöhnt?
Er denkt daran, dass er Carl schlagen sollte. Am besten in die Nieren. Da fällt es am wenigsten auf. Die unscheinbaren Läsionen lassen in den wenigsten Fällen auf die tatsächlichen inneren Verletzungen schließen. Warum hört er ihm stattdessen zu? Verhält es sich nicht etwa so, dass Carls Gedanken sehr viel eher seinen eigenen entsprechen als denjenigen der Leute, die ihn dafür bezahlen, ihn in die Nieren zu schlagen?
„Ich sollte wohl nicht mit Ihnen sprechen“, sagt er, mehr zu sich selbst.
„Damit hast du wahrscheinlich recht.“
Carls Ehrlichkeit rührt ihn. Wer ist dieser Mann, der mehr über seinen Sohn und ihn selbst zu wissen scheint als er selbst? In Juliens Kopf geschieht etwas. Etwas, das ein leichtes Kribbeln auf seiner Großhirnrinde verursacht sowie einen starken Druck im Frontallappen.
Julien steht auf, geht um Carl herum und schneidet ihm mit einem Messer die Fesseln durch. Dann reicht er ihm eine Stablampe, die er seiner Jackentasche entnommen hat.
„Die werden Sie brauchen. Es ist dunkel in den Gängen hinter dem Spind in Ihrer Zelle.“
Carl lächelt zufrieden.
„Siehst du?“, sagt er zu Julien, „du bist ein Altruist.“